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Mein größter Schatten kann unsere Heilquelle sein.

Der bloße Gedanke daran, dass ich diesen Artikel schreibe, macht mir Angst. 

Angst davor, was Menschen von mir denken, wenn sie meine Schattenseite kennen. Angst, verurteilt zu werden, weil ich öffentlich meine tiefste Wunde preisgebe. Angst, als Raumhalterin nicht akzeptiert zu werden, da ich selber erst am Lernen bin.

Gleichzeitig sagt meine Wutkraft: Das was ich zu teilen habe, betrifft nicht nur mich. Sondern viel zu viele Frauen, denen irgendwann in ihrem Leben ihre Stimme genommen wurde. Für euch schreibe ich diesen Artikel. Denn wir sind nicht allein. Wir sind viele. Und die Welt wartet darauf, dass wir endlich unsere Stimme erheben und der Welt mitteilen, was uns angetan wurde!

Alles fing mit folgendem Experiment an: „Ich nehme war, wovor ich Angst habe. Und wenn es mich nicht umbringt, gehe ich genau da hin.“ Eine dieser Ängste war: Ich mache einen Heilprozess, der aufgenommen und veröffentlicht wird, als Teil des 100 demonstrativen Heilprozesse Projekts, in welchem 100 emotionale Heilprozesse mit verschiedenen Trainer*innen aufgenommen und auf Youtube veröffentlicht wurden. Und ich mache ihn mit Clinton Callahan, dem Begründer von Possibility Management, denn von allen möglichen Trainer*innen war bei ihm mein Angstlevel am größten.

Und jetzt kommt der nächste Schritt, der mir Angst macht: ich teile diesen Prozess mit euch - den Menschen, die mir nahe stehen. Hier geht es zu der Aufnahme.

Es geht in dem Prozess um ein erstes übergriffiges Erlebnis mit einem Familienmitglied, von dem ich später missbraucht wurde. Er drückt mich an die Wand und würgt mich. Ich kann kaum mehr atmen. Ich bin 5 Jahre alt.

Das ist der Kontext.

Und im Kern geht es darum, dass ich schon sehr jung entschieden habe, lieber ungefährlich zu sein und nicht zu sagen, wenn mir etwas nicht passt. Es geht darum, dass ich auch nach einiger Wutarbeit immer noch nicht gefährlich war in dem Moment des Prozesses. Es geht darum, dass ich mich mit meiner Ungefährlichkeit selber zum Futter für Missbrauch gemacht habe. Es geht darum, dass ich etliche Beziehungen manipuliert habe, in dem ich keine Grenze gesetzt habe. Und mich dann nach Rache gesehnt habe, weil jemand meine Grenzen überschritten hat. Ich habe so oft so viel zerstört mit dem immer gleichen Muster. Es geht darum, dass ich niemals voll und ganz mit jemand sein konnte. Weil ich mich niemals sicher gefühlt habe. Weil ich es mir selber keinen sicheren Raum schaffen konnte.

Der Prozess endete mit der Einsicht, dass ich noch einen Schritt gehen muss, um diesem Familienmitglied, um der Welt endlich eine Grenze zu setzen.

Ich war zutiefst enttäuscht. Ich hatte zu diesem Zeit Punkt mehrere Jahre Therapie und ein paar Monate Wutarbeit hinter mir. Ich lebte in der Geschichte, dass ich mittlerweile gefährlich war und für mich sorgen konnte. Heute weiß ich, dass mein Weg zu meiner inneren Kriegerin einfach lang ist. Und jeder Schritt High Level Fun ist.

Und ich ging weiter. Ich setzte meinen Mitbewohner*innen in experimentellen Szenarien solange Grenzen, bis sie schon beim ersten Versuch zu viel Angst hatten, als dass sie weiter gegangen wäre. Ich ging 3 Mal die Woche in die Wut (3-3-3) mit der klaren Intention, das auszusprechen, was ich solange verschwiegen habe. Ich besuchte noch einen Rageclub. Ich sagte jeden Tag mindestens einmal ohne Grund „Nein“ zu irgendetwas und versuchte gleichzeitig, in der Verbindung mit der anderen Person zu bleiben. Ich besuchte einen Selbstverteidigungkurs.

Ein Monat später: ich bin nach einer Kambozeremonie offen und sensibel. In einem Telefonat mit einer Freundin lande ich (mal wieder) in einem Gespräch, in dem ich nicht sein will. Ich setze die Grenze erst sehr spät. Ich bin so angetriggert, dass ich auflegen muss. Die innere Maschine springt an: „Sie ist ganz klar die Täterin. Das wird sie mir büßen!“ Ich projiziere all den Mist von damals auf sie. Zum Glück bin ich mir mittlerweile meiner eigenen Maschine bewusst, so dass ich ihr sagen kann: „ich projiziere gerade auf dich, nimm es nicht persönlich. Ich melde mich später!“ 

Und ich benutze diesen Trigger als Tür: Ich mache noch am selben Tag einen weiteren Heilprozess. Ich komme wieder an den selben Punkt wie mit Clinton. Und diesmal: sage ich ganz bestimmt und mit ordentlich Wutkraft „Hau ab du Arschloch, sonst bringe ich dich um!“ zu diesem Familienmitglied, welches mir fast die Luft wegdrückt. Ich jage ihn weg! Ich gehe über den solange unmöglichen Punkt! Ich kann es selber nicht glauben!

Und jetzt? Fühle ich mich um mindestens 3 Zentimeter größer. Und: manchmal überschreitet jemand meine Grenze, und ich merke es erst spät. Es macht mich immer noch wütend. Und der Drang zu Opferdasein und Rache ist da. Aber er wird leiser. Und jedes Mal setze ich die Grenze ein wenig eher.

Das bin ich. Das ist einer meiner meiner Schatten. Gefühlt der größte. Und das ist meine Entscheidung, mit meinem Schatten in der Welt zu stehen. Mich damit zu umarmen.

Ich widme diesen Artikel allen Frauen, denen irgendwann in ihrem Leben ihre Stimme genommen wurde. Wir sind nicht allein. Wir sind viele. Und auch wenn der Weg lang ist: wir können ihn gehen. Schritt für Schritt. Und jede von uns, die einen weiteren Schritt geht, die sich nicht mehr zum Opfer ihrer Vergangenheit macht, sondern Verantwortung für ihre Heilung übernimmt, ist für mich eine ganz große Heldin!

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